Die Küche als Labor
Das Museum der Dinge ist eine der spannendsten Ausstellungsorte in Sachen Design. Am 5. Juli lädt das Musem zum Jour Fixe ein, um die Einweihung der “Frankfurter Küche” als Teil der Dauerausstellung zu feiern und vorzustellen.
Die wohl berühmteste Küche der Welt ist kulturgeschichtlich ein wichtiges Zeugnis für die Übertragung von industriellen, d.h. rationalisierten Arbeitsvorgängen in den Bereich des privaten Haushalts – ein zentraler Aspekt für die Moderne Architektur und Alltagskultur der 1920er Jahre. Die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotsky hat die Küche 1926 als ein Typus entworfen, der 10.000-fach in zahlreichen Varianten in den Frankfurter Siedlungen realisiert wurde.
Angesichts der steigenden Bevölkerungszahlen und der städtischen Wohnungsnot nach dem 1. Weltkrieg ging es in vielen Wohnungsbauprogrammen um günstigen, effizient und sparsam genutzten Wohnraum mit einer einfachen, preiswerten Ausstattung für große Bevölkerungszahlen. Das vor allem von der SPD unterstützte Siedlungsbauprogramm war politisch motiviert und hatte zum Ziel, die möglichen technischen Standards der Zeit (fließendes Wasser, Hygiene, Gas- und Elektroenergie) auch unteren Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen.
Die Frankfurter Küche fand eine große Verbreitung und wurde zum Vorbild für die moderne Einbauküche. Allerdings gibt es nicht die Frankfurter Küche, sondern das Modell erfuhr in der Phase seiner Realisierung in verschiedenen Frankfurter Siedlungen bis 1930 diverse Veränderungen. Die Frankfurter Küche orientierte sich an den Speisewagenküchen in Zügen, wurde auf der Basis taylorisierter Arbeitsabläufe geplant und war rationell und funktional gestaltet. Sie sollte als reine Arbeitsküche in Verbindung mit einem durch eine Schiebetür abtrennbaren Wohnzimmer genutzt werden und ein “Kochbetrieb” oder “Kochlaboratorium” sein.
Das in die Schausammlung des Werkbundarchiv – Museum der Dinge integrierte Exemplar der Frankfurter Küche stammt aus einem Zweifamilien-Reihenhaus im Heidenfeld 24 in der Römerstadt-Siedlung, die 1927/28 entstanden ist.
Die Frankfurter Küche gehört zu den Modellen für das “Neue Leben” des “Neuen Menschen”, die in den 20er Jahren eine starke Konjunktur erlebten. In diesen Bestrebungen ist eine Abgrenzung von historisch bestimmten Identitätsanteilen zu erkennen. Bruno Taut lehnt in seiner Schrift “Die neue Wohnung” die Präsenz von Erinnerungsstücken und von jeglichem “historischen Plunder” ab. Die wissenschaftliche Haushaltsexpertin der 1920er und 1930er Jahre Erna Meyer schreibt: “Jetzt geht’s ums Ganze; der neue Mensch sucht seine neue Haut!” Das “sinnlose Chaos” der Welt sollte durch eine “planvolle Ordnung” ersetzt werden. Die Vorstellung vom gesetzmäßigen Aufbau der Wirklichkeit entspricht einer durch den industriellen Produktionsprozess bedingten prinzipiellen Funktionalität und Rationalität. In diese sollten sich sowohl die Gegenstände als auch die Menschen eingliedern.
Die eigene Anschauung der realen musealisierten Küche wird gerahmt durch eine sachlich und assoziativ konzipierte und visuell-akustisch präsente Vermittlungsebene mit historischem Bildmaterial, Kommentaren der Entwerferin Margarete Schütte-Lihotsky und Interviews heutiger Erforscher der Frankfurter Küche (realisiert von Moritz Fehr).
Gebrauchsanweisung für eine Frankfurter Küche im Museum
Einweihung der Frankfurter Küche
als Teil der Dauerausstellung
Jour Fixe am am 05. Juli 2010 um 19 Uhr
Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25
10999 Berlin
info@museumderdinge.de
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