IM INTERVIEW: JOHANNA GROSS VON KULTPUR
Feb 10th, 2010 | By Bastian | Category: ProduktVor einigen Tagen flatterte uns eine Einladung zu einer Vernissage ins Haus: Neue Produkte bei kultpur! Also habe ich mich auf den Weg in das verschneite Kreuzberg gemacht, denn die gelungene Mischung von Design, Genuss und Kultur, die Johanna Groß auf ihrer Webseite präsentiert, hatten mich neugierig gemacht. Die Ladengalerie im Erdgeschoss eines Berliner Mietshauses leuchtete warm und anziehend durch die großen Fenster in den Abend hinaus. Drinnen kaum noch Platz. Begeistert als auch kritisch werden die ausgestellten Produkte von den zahlreichen Gästen in Augenschein genommen. Ein aus Kabeln gestrickter Lampenschirm und eine zur Dusche umgebaute Telefonzelle fallen mir sofort ins Auge. In einem offenen Nebenraum steht eine kleine Bar, die Leute sitzen auf den einladenden Bänken und Sesseln, in der Hand ein puristisches Bier. Weiter hinten in der Galerie befindet sich der Showroom von miope. Dort präsentiert Mirjam Abele gemeinsam mit ihrer Mutter kunstvolle Möbelentwürfe, poetische Vasen, Gläser und Schmuck. Mehrmals streife ich durch die Galerie, immer wieder entdecke ich Ungewöhnliches. Ein Regalsystem stemmt sich zwischen Decke und Boden, satte Schwarz-Weiß- Fotografien, Taschen, Schlüsselbänder… An der Bar treffe ich Johanna Groß, die mich freudig begrüßt, um sogleich wieder von anderen Gästen umringt zu werden. Der Laden ist mittlerweile brechend voll, die Atmosphäre familiär und ausgelassen. Die junge Galeristin beantwortet meine Fragen zu ihrem außergewöhnlichen Laden später ausführlich per Mail:
Johanna, Dein Laden war zur Vernissage am Donnerstag rappelvoll. Wer kommt zu Deinen Ausstellungen? Wie sieht Deine Kundschaft aus?
Tatsächlich ist dies immer eine spannende Sache: es sieht jedes Mal ganz anders aus. Zum einen kommen natürlich immer ein paar Freunde und Bekannte sowie Geschäftspartner zum Beispiel aus dem Gastrobereich. Und natürlich die Designer, die wiederum Freunde und Bekannte mitbringen, um ihnen kultpur vorzustellen. Zum anderen kommen Kunden, die über den Newsletter von der Vernissage informiert wurden oder die es hier bei kultpur erfahren haben. … Und dann gibt es noch die Passanten – meist Touristen. Zum Beispiel zwei Dänen, die sich vor der Türe neugierig erkundigt haben, reingekommen sind, die Keramik klasse fanden und auch kurzentschlossen etwas gekauft haben.
Die reguläre Kundschaft ist genauso bunt. Zudem gibt es mittlerweile schon einige „Stammkunden“, die bei kultpur regelmäßig den Berlin-Kaffee, Minze-Limette-Chili-Pesto oder Held-Vodka kaufen, die einfach nur einen Cappuccino trinken, die auf der Suche nach einem Geschenk sind oder die schauen wollen, ob sie sich selbst was Schönes gönnen – gleich ob ein schickes Cape für die Berlinale oder eine Ledergeldbörse.
Du bist ja in gewisser Weise Kuratorin und Galeristin für Produkte. Nach welchen Kriterien suchst Du die Dinge aus, welche Du bei kultpur ausstellst?
Zentral ist, dass die Sachen direkt vom Hersteller kommen. Aus Berlin, Deutschland, international, Kreative, die zu Gast in Berlin sind – Hauptsache keine Produkte, die einem an jeder Ecke über den Weg laufen. Zuerst ist eigentlich das Thema, dann der Anspruch, eine gewisse Bandbreite an Produkten abzudecken und dann geht die Suche los.
Ausschlaggebend sind für mich nicht die allgemeinen Trends, obwohl natürlich Messen oder Designportale wichtige Plattformen für die Ideenfindung sind. Viele Sachen habe ich im Vorfeld schon entdeckt und abgespeichert ,wie zum Beispiel fil quadrat, manche Kontakte kommen spontan 2 Wochen vor Vernissage zustande, wie etwa die Keramik von Krasznai Street. Und dann gibt es noch Produktgeber, wie Kathryn von Upside Out, die für PUR eine neue Kollektion entworfen hat.
Interessante Kontakte finde ich aber nicht nur auf der DMY et cetera, sondern auch auf dem Holy Shit Shopping. Da wären wir ja auch bei einer der nächsten Fragen…
Viele Dinge bei kultpur sind selfmade-Produkte. DIY (DoItYourself) ist ein großer Trend. Es gibt Magazine, Bücher und Online-Plattformen zu diesem Thema. Wie bewertest Du diesen Trend?
Eigentlich sind es ganz wenig Produkte, die wirklich aus dem DIY-Bereich kommen. Gerade bei PUR sind viele gelernte Designer vertreten, wie Pierre Kracht, fil quadrat, Widda, Ina Seifart, Aramat, Harryet Lang, bei den anderen handelt es sich um Produktgeber, die das jeweilige Handwerk erlernt haben. Die Herstellerin der Kreuzingerfiguren ist gelernte Holzbildhauerin; Kristin Jung und Angelika Frankenberger von Hut Art sind gelernte Modistinnen.
Wenn die Sachen mich durch ihre Ausgefallenheit überzeugen oder einfach gut das Thema ergänzen, integriere ich aber gerne auch mal selfmade-Produkte. Im Barbereich sind ein paar mehr zu finden, die ich dort aber unabhängig vom Thema präsentiere. Insofern auch meine Meinung zum DIY-Trend und gleichzeitig Antwort auf deine nächste Frage…
Stellst Du selbst Produkte her? Welches Produkt fehlt noch in Deinem Sortiment?
Ich finde es toll, wenn dir Leute kreativ werden- sei es um Geld zu sparen, um was Individuelles zu produzieren, oder weil es ihnen einfach Spaß macht. Trotzdem ist es einfach so, dass die „professionell“ hergestellten Produkte sich zumeist deutlich in der Qualität abheben und auch einfach ein durchdachtes Konzept haben. Man darf das natürlich nicht verallgemeinern, aber ich finde es immer etwas anstrengend, wenn ein Trend dazu führt, dass die Leute kurzfristig davon ergriffen werden, sich aber nicht wirklich mit den zentralen Hintergründen, wie z.B. Herstellungs- und Verarbeitungstechniken befassen und so letztendlich nur „halbgute“ Produkte dabei rauskommen.
Ich selbst bin studierte Soziologin und habe in der Marktforschung gearbeitet (Projektkonzeption, – organisation und –durchführung sowie Auswertung, Moderation etc.). Insofern habe ich gelernt, Zusammenhänge zu erfassen, Trends zu lesen, Schlüsse zu ziehen, zu organisieren… Aber ich bin keine Designerin, keine Köchin und habe auch nicht umfassende BWL-Kenntnisse, weshalb ich bei gewissen Fragen Fachleute zu Rate ziehe, die Suppen und Marmeladen von gelernten Köchen beziehe und das Herstellen von Produkten den Designern überlasse.
Trotzdem schließe ich nicht aus, dass meine Leidenschaft für alle drei Bereiche von kultpur -design.genuss.kultur.- dazu führen könnte, dass ich auch selber mal was produzieren werde. Die zündende Idee für ein unverkennliches kultpur-Produkt gibt es aber noch nicht.
Tocotronic singen in Ihrem neuen Album Schall und Wahn: “Was Du auch machst mach es nicht selbst”- eine Trendwende? Ist die DIY-Bewegung am abkühlen?
Ich denke nicht, dass das Ende des DIY-Trends wirklich schon eingeläutet ist- aber es machen sich eben doch paar Stimmen laut, die sagen: „Kreativität schön und gut, Lebenskünstler wunderbar- aber nicht jeder kann alles können. Es gibt schöne Sachen, aber mittlerweile findet man bei Dawanda Berge an selbstgenähten Taschen, was auch mit einem unglaublichen Preisdumping einhergeht…und ich glaube, dass das schon auch immer mehr Leute kritisieren.
In deiner gemütlichen Café-Bar gibt es ein Bier mit auffallend puristischem Etikett – Was hat es damit auf sich?
Das BIER Bier wird in Brandenburg exklusiv für die Jungs gebraut und von Berlin aus vertrieben. Zentrale Aussage: Geschmack braucht keinen Namen. Und das kann ich wirklich bestätigen! Wie auch bei allen anderen (Gastro-) Produkten läuft die Kooperation ohne Umwege über Dritte, weshalb ich auch wirklich weiß wer und was dahinter steckt und diese Überzeugung auch direkt an den Kunden weitergeben kann. In paar Wochen ist nun am 25.Februar bei kultpur die große BIER-Flaschenkunstversteigerung, bei der die im Vorfeld individuell gestalteten BIER-Flaschen ergattert werden können. Teilnehmen kann jeder; je früher desto besser!
Vielen Dank für das Gespräch!
kultpur design. genuss. kultur.
johanna groß
muskauer str. 47
10997 berlin-kreuzberg
030-43202340
0179-6637155
Öffnungszeiten:
Di – Fr 12–20 Uhr;
Sa 12–16 Uhr
Adventssonntage Verkauf 14–18 Uhr









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